Tipps für Sehende

Die Erfahrung zeigt, dass sich viele Menschen im Umgang mit Blinden ein wenig unsicher fühlen. Deshalb habe ich mich bemüht, auf dieser Seite eine Art "Bedienungsanleitung für Blinde" bereitzustellen, die sowohl auf meinen eigenen Erfahrungen als auch auf denen anderer Blinder beruht. Diese Tipps und Hinweise sind nicht als Kritik gedacht, sondern als Hilfe und Anregung für den Umgang mit blinden Menschen und sollen uns allen das Leben ein wenig einfacher machen.

Und gleich noch eine Bemerkung am Rande: bitte nicht böse sein, wenn ich überwiegend in der männlichen Form schreibe. Bei Artikeln dieser Art läuft das Pronomenchaos sonst wirklich völlig aus dem Ruder.


Grundlegendes

Anfangen möchte ich mit dem Wichtigsten überhaupt: ein blinder Mensch ist zu allererst ein Mensch. Er hat Stärken und Schwächen, hat Vorlieben und Abneigungen und auch die eine oder andere Eigenart. Er verdient Respekt, und er möchte nicht anhand seiner Behinderung in irgendeiner Schublade verstaut werden. Insbesondere möchte er nicht an den Ideen und Vorstellungen anderer gemessen werden, was ein Blinder zu sein hat und was nicht.

Bitte behalte das im Hinterkopf, wenn du mit einem real existierenden Blinden zu tun hast. Denn was auch immer du über die Fähigkeiten Blinder zu wissen glaubst, es ist wahrscheinlich ungenau und verallgemeinert, und es trifft nicht unbedingt auf den Menschen zu, mit dem du es jetzt zu tun hast. Der so genannte „gesunde Menschenverstand“ ist dabei auch keine Hilfe. Das Blinde zum Beispiel kein Skateboard fahren können ist ja wohl offensichtlich, oder?

Außerdem hängt viel davon ab, an welchem Punkt seines persönlichen Lebensweges sich der Betreffende gerade befindet. Blind leben heißt immer weiter lernen, und was letzten Monat noch unmöglich erschien, kann heute bereits völlig normal sein.


Blind – was bedeutet das eigentlich?
Entgegen der weit verbreiteten Meinung ist das Wort "blind" übrigens nicht gleichbedeutend mit "totale Dunkelheit". Tatsächlich hat die große Mehrzahl der Blinden noch irgendeine Form von Sehrest. Dieser ist aber so klein, dass man medizinisch nicht einmal mehr von "schwerst sehbehindert" sprechen kann.

Dieses Restsehvermögen durch Beobachtung zu schätzen ist selbst für Spezialisten praktisch unmöglich. Zu viel hängt von der konkreten Situation ab, von Licht, Kontrast, Tagesform und anderen Faktoren. Aus diesem Grund solltest du dich auch von typischen "wenn... dann..." Schlussfolgerungen über die Sehkraft von Blinden und Sehbehinderten möglichst fernhalten. Für einen blinden kann es völlig normal sein, in einem Moment einen Papierschnipsel auf dem Teppich wahrzunehmen und im nächsten Moment einen quer über den Bürgersteig geparkten Zementmischer zu übersehen. Wenn ein Mensch als blind eingestuft wird, dann hat das auch einen Grund. Und so ziemlich das Letzte, was dieser Mensch braucht, sind Sätze wie „der ist ja gar nicht richtig blind“.


Die Sache mit dem Blindenstock
Der Blindenstock ist für einen Blinden (von Führhunden mal abgesehen) das Kernelement persönlicher Unabhängigkeit, Sicherheit und Mobilität. Du solltest daher niemals unaufgefordert den Blindenstock anfassen und ihn natürlich schon gar nicht verräumen. Er gehört im Restaurant nicht an die Garderobe und in der Kneipe nicht unter den Jackenstapel in der Ecke. Er sollte immer genau dort sein, wo sein Besitzer ihn hingelegt hat. Würde der Stock gestohlen, so hätte der Blinde ein sehr ernstes Problem.

Und der Blindenstock ist auch ganz sicher kein Griff, an dem du einen Blinden durch die Gegend ziehen kannst. Das würde emotional ungefähr auf der gleichen Stufe stehen wie ihn an der Nase zu ziehen. Oder an anderen Körperteilen.


Hilfe anbieten und Hilfe geben

Ein blinder Mensch braucht im Alltag immer mal wieder ein wenig Hilfe, und diese anzubieten ist definitiv eine tolle Sache. Leider kommt es an dieser Stelle aber auch immer mal wieder zu Missverständnissen.

Wenn du einem Blinden behilflich sein willst, dann heißt es immer erstmal fragen, auch wenn du noch so überzeugt bist, die Situation verstanden zu haben. Biete deine Hilfe an und warte dann auf eine verbindliche Antwort. Einer der großen Klassiker: niemand wird gerne ungefragt über die Straße gezerrt, auch ein Blinder nicht. - besonders, wenn er gerade am Straßenrand auf sein Taxi wartet.

Blinde sehen für andere Menschen übrigens oft hilflos aus, wenn sie es gar nicht sind. Der Blinde, der auf der obersten Stufe in der Zugtür steht und mit dem Langstock tastet, ist nicht hilflos, er erkundet einfach nur den Weg auf den Bahnsteig. Ein Mitreisender, der einfach seinen Arm greift, ist nicht hilfreich, sondern bringt den Blinden möglicherweise in erhebliche Gefahr, weil er ihn sam Gepäck aus dem Gleichgewicht bringt.

Blinde brauchen generell manchmal etwas länger, müssen Dinge ertasten, die du sehen kannst, oder orientieren sich lieber nochmal akustisch, bevor sie etwas tun. Habe Geduld, ein kurzes Zögern ist noch lange kein Hilferuf.

Und sei bitte auch nicht böse, wenn ein Blinder dein Hilfsangebot ablehnt. Egal, was du denkst, du weißt am Ende nicht, ob die Hilfe erwünscht oder überhaupt sinnvoll ist. Viele Blinde haben außerdem Skrupel, Hilfe anzunehmen, wo sie gar nicht notwendig ist, auch wenn es aus deiner Sicht so doch einfacher wäre. Wenn ein Blinder im Bus stehen will, so liegt das vielleicht einfach daran, dass er in der Nähe der Tür bleiben will, um den Ausstieg zu erleichtern. Oder vielleicht liegt es daran, dass er den ganzen Tag im Büro gesessen hat, und jetzt lieber stehen möchte. Und was auch immer der Grund sein mag: es ist seine eigene Entscheidung, und die haben andere Menschen schlicht zu respektieren.

Und hier noch ein paar weitere Kleinigkeiten:
  • Wenn du Hilfe gibst, dann tu es bitte leise und diskret. Nur allzu oft wird ein Blinder zum Statisten degradiert, während ein Sehender lautstark demonstriert, was für eine tolle Tat er gerade wieder vollbringt. Nett geht anders.
  • Blinde sehen in freier Wildbahn öfter mal ein wenig grummelig aus. Das liegt aber meist nicht an schlechter Laune, sondern an der enormen Konzentration, die ein Blinder außerhalb seiner gewohnten Umgebung braucht.
  • Du musst einen Blinden nicht darauf hinweisen, dass die Treppe auch ein Geländer hat oder dass es bei Karstadt auch einen Fahrstuhl gibt. Auf solche genialen Ideen kommt er ganz von alleine. Ich persönlich benutze fast nie das Geländer, da es meine Koordination stört.
  • Wenn der Blindenstock gleich einen Laternenpfahl treffen wird, dann ist das kein Grund zur Besorgnis. Der Blindenstock tut seinen Job. Der Kontakt mit dem Laternenpfahl ist Teil seiner Existenzbestimmung. Und der Blinde, der ihn hält, hofft vielleicht ohnehin auf einen kleinen, aufschlussreichen "Dong", da der Laternenpfahl ein Orientierungspunkt ist.
  • Entgegen anderslautender Gerüchte sind Blinde auch durch Treppen oder Rolltreppen nicht in Gefahr. Ich persönlich liebe Rolltreppen und hasse Fahrstühle (zu viel Arbeit beim Knöpfe suchen, und die meisten sagen das Stockwerk ohnehin nicht an).
  • Auf der Straße oder in der Fußgängerzone ist ein bisschen Abstand durchaus sinnvoll, da Blinde nicht die gleichen körpersprachlichen Signale abgeben wie Sehende, wenn sie z.B. die Laufrichtung wechseln. Auch der Blindenstock, der übrigens eine ziemliche Reichweite hat, kann manchmal etwas unberechenbar sein.
  • Am Schalter bei der Post, in der Bank o.ä. ist es nett, wenn die Dame oder der Herr hinter dem Schalter redet, während der Blinde im Landeanflug ist. Das erleichtert ungemein die Ortung. Es ist nicht wichtig, etwas Schlaues zu sagen, einfach drauflos plappern. Der Blinde wird dankbar verstehen, was du da tust.
  • Und dann wäre da noch die Sache mit dem Anhalten. Als Blinder am Straßenrand erlebt man es immer wieder, dass freundliche Autofahrer anhalten und einen über die Straße lassen wollen. Das ist zwar eine sehr nette Geste, aber sie ist ziemlich problembelastet. Der Blinde nimmt nämlich nur wahr, dass ein Auto angehalten hat. Der Grund dafür bleibt ihm verborgen. Will ihn der Autofahrer wirklich über die Straße lassen, oder hält er aus ganz anderen Gründen an und fährt gleich wieder los? Und nein, weder ausschweifendes Gestikulieren noch die Lichthupe sind zuverlässige Wege, seine Absicht zu kommunizieren. Und anhupen fällt definitiv unter die Kategorie unlustig. Dazu kommen noch Radfahrer und andere freie Überholer, deren Anwesenheit oft durch das Motorengeräusch verschleiert wird, während diesen der Blick auf den Blindenstock versperrt ist.


Wege beschreiben
Wer einem Blinden den Weg erklären will, und sei es nur der Weg zum Fahrstuhl, der sollte von Beschreibungen wie "da lang", begleitet von intensivem Gestikulieren, lieber Abstand nehmen.

"Rechts von Ihnen" ist schon mal ein guter Anfang. Wer es ganz toll machen will, der kann z.B. sagen "der Fahrstuhl ist auf zwei Uhr" (immer "in Fahrtrichtung" des Blinden gesehen) oder "immer geradeaus und nach zehn Metern rechts, dann noch etwa fünf Meter". Auch der Untergrund kann hilfreich sein: "geradeaus bis zum Teppich, dann rechts“.

Für etwas komplexere Routen hat mir meine Mobilitätstrainerin einen klasse Trick beigebracht: sie hat mich einfach in Startrichtung gestellt und mir anschließend den Weg mit dem Finger auf den Rücken gemalt, das Ziel ganz oben. Das Gehirn kann diese Signale erstaunlich gut umsetzen, ist also vielleicht einen Versuch wert.


Richtig führen
Einen blinden zu führen ist eigentlich recht einfach, wird aber sehr gerne falsch gemacht. Also auch hier ein paar Tipps:

  • Gleich vorweg: nicht jeder Blinde will geführt werden, und es muss seine Entscheidung bleiben, auch wenn du der Meinung bist, es sei doch einfacher so.
  • Falls der Blinde es vorzieht hinter dir her zu laufen, anstatt sich führen zu lassen, dann ist es hilfreich, wenn du mit ihm redest und damit die akustische Ortung erleichterst.
  • Die klassische Technik beim Führen (international "sighted guide technique") läuft folgendermaßen ab:
    • Der Sehende bezieht neben dem Blinden Stellung und berührt den Handrücken des Blinden, damit dieser dessen Arm leichter findet.
    • Der Blinde ergreift den Arm des Sehenden oberhalb des Ellenbogens (und nicht umgekehrt: niemand wird gerne durch die Gegend gezerrt). Manche Blinde bevorzugen auch, dem anderen die Hand auf die Schulter zu legen oder locker seine Kleidung zu berühren.
    • Die richtige Seite ist die dem Blindenstock bzw. Führhund abgewandte Seite
    • Der Blinde läuft dann seitlich versetzt einen Schritt hinter dem Sehenden
    • Es ist beim Führen nicht notwendig, permanent die Umgebung zu beschreiben. Lediglich Dinge, die für den Blinden wichtig sind (Bordsteinkanten, Türen, Treppen, etc.) sollte man ansagen. Dabei bitte nicht nur den Boden im Auge behalten (das macht oft schon der Blindenstock), sondern die Kopfhöhe des Blinden einkalkulieren - oben tut‘s am meisten weh.
    • Vor Absätzen und Treppen sollte man anhalten, ankündigen, was wohin geht ("Treppe rauf") und dann abwarten, bis der Blinde die erste Treppenstufe gefunden hat. Das gleiche gilt für das Ende der Treppe. Treppen laufen ist mit Führung ironischer Weise oft schwieriger als ohne.
    • Es ist nicht nötig, die Anzahl der Treppenstufen anzusagen. Erfahrenere Blinde werden das wahrscheinlich sowieso ignorieren, da die Ansage eigentlich immer falsch ist.
    • Vor Türen ist ebenfalls eine kurze Ansage nett ("Tür, öffnet rechts nach außen").
  • Manche Blinde haben übrigens Probleme damit, im freien Raum zu stehen und fühlen sich desorientiert. Für solche Menschen ist eine Wand, ein Stuhl, eine Tischkante oder ein anderer Bezugspunkt hilfreich dabei, nicht die Orientierung zu verlieren. Aber auch hier gilt: fragen anstatt einfach vorauszusetzen.


Kommunikation

Die Kommunikation mit einem Blinden kann am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig sein. Sehende Menschen sind es gewöhnt, dass ihr Kopfnicken verstanden und ihr lächeln erwidert wird, und das ihr Gesprächspartner mitbekommt, dass sie gerade genervt oder gelangweilt gucken. Bei Blinden gehen diese Signale fast immer ins Leere. Und während dein Bewusstsein das natürlich längst weiß, kommt dein Unterbewusstsein zur gleichen Zeit vielleicht zu ganz anderen Schlussfolgerungen.

Bei Veranstaltungen oder auf Parties führt das beispielsweise leicht dazu, dass ein Blinder alleine bleibt, weil die meist unbewusste nonverbale Vorstufe des Ansprechens , anschauen und Reaktion abwarten, nicht funktioniert. Schlussfolgerung: der will lieber alleine gelassen werden. Lass dich nicht abschrecken und sprich den Blinden einfach an. Für ihn ist der umgekehrte Weg nämlich sehr viel schwieriger.

Und wenn du mit einem Blinden sprichst, dann gibt es wirklich keinen Grund, besonders laut oder extra langsam zu sprechen, und du musst auch nicht all die schwierigen Worte erklären. Blindheit wirkt sich üblicherweise weder auf das Gehör noch auf die Intelligenz aus, und der Typ, der mir einmal auf einer Party erklären wollte, was ein Smartphone ist )“es gibt da heute solche Handys, die sind wie kleine Computer“), hat nach den Lachkrämpfen meiner umstehenden Freunde glaube ich heute noch einen roten Kopf. Ich persönlich finde es besonders lustig, wenn Sehende mit mir gaaaaaaanz langsam sprechen, damit auch ich es kapiere. Jeder, der mal meinem Computer zugehört hat, wird den Witz verstehen.

Und hier noch ein paar andere Kleinigkeiten rund um Kommunikation:
  • Ein Gespräch mit einem leeren Stuhl wird irgendwann langweilig. Es ist daher für Blinde sehr hilfreich, wenn Menschen beim Betreten und Verlassen eines Raumes das selbige mitteilen. Und falls sich jemand angeschlichen hat, dann begrüße ihn doch einfach, damit auch der Blinde weiß, wer dazugekommen ist.
  • Wenn man beispielsweise einen blinden Kollegen anspricht, ist es nett zu sagen, wer man ist. "Hi" enthält oft nicht genügend Information, um einen Menschen akustisch zu identifizieren.
  • Hände schütteln ist für einen Blinden manchmal nicht ganz einfach. Falls also deine ausgestreckte Hand ignoriert wird, dann sag einfach, was du vorhast, der Blinde hat die Hand, nun ja, einfach nicht gesehen.
  • Ein Blinder, der dich beim Gespräch nicht anschaut, ist nicht automatisch desinteressiert oder unhöflich. Blinde neigen dazu, dir eher ihr Ohr zu schenken als ihr Gesicht zuzuwenden, und es kostet viel Übung, diese schlechte Angewohnheit abzulegen, falls man sich ihrer überhaupt bewusst ist.
  • Umgekehrt sollte man einen Blinden beim Ansprechen immer direkt anschauen. Ein Blinder hört meist, ob der Schall auf ihn gerichtet ist oder nicht, und wird sich andernfalls vielleicht gar nicht angesprochen fühlen.
  • Wenn man den Namen eines Blinden weiß, dann ist es nett, diesen auch bei der Ansprache zu verwenden. Das vermeidet Missverständnisse. Blinde sind wohl vertraut mit dem Problem, sich versehentlich in anderer Leute Konversationen einzuklinken oder anderer Leute Fragen zu beantworten.
  • Wenn du einen Blinden anderen vorstellst, dann sind Richtungsangaben hilfreich: "Das sind Alex, Ida und Sandra" ist extrem verwirrend, "Rechts von dir sitzt Alex, gegenüber Ida und schräg links, das ist Sandra" gibt die notwendigen Koordinaten, um die neuen Bekanntschaften mit Namen anzureden.
  • Und wo wir gerade beim Vorstellen sind: bitte auch anwesende Kinder vorstellen, die werden irgendwie meistens ignoriert.
  • An der Bäckereitheke: "und der Herr mit dem braunen Hut, was kann ich für Sie tun?" ist eine nette Möglichkeit. Und ja, der Blinde weiß höchstwahrscheinlich, dass sein Hut braun ist.
  • "Raten Sie mal, wer ich bin" könnte bei einem Blinden außerhalb der Humorzone liegen. Und "wissen Sie noch, wer ich bin?" ist zwar eine durchaus verständliche Frage, gibt dem Befragten aber leicht das Gefühl, er werden einer Prüfung unterzogen - "Nein" ist schließlich eine eher peinliche Antwort für beide Seiten.
  • Auch wenn Blinde "mit den Fingern sehen": nicht jeder Blinde möchte gerne dein Gesicht ertasten. Auch für einen Blinden ist dies eine sehr intime Angelegenheit, und sollte speziellen Momenten mit der richtigen Person vorbehalten bleiben.
  • Und zu guter Letzt noch ein (auf Erfahrung basierendes) Wort an die weibliche Hälfte der Bevölkerung: wenn ihr einen Blinden gerne näher kennen lernen möchtet, dann ist anlächeln vom anderen Tisch aus keine sonderlich erfolgversprechende Taktik.


Ehrlichkeit und falsch verstandene Rücksichtnahme
Im Umgang mit Blinden ist Ehrlichkeit oberstes Gebot, also bitte keine falsche Rücksichtnahme. Wenn dich ein Blinder fragt, ob er sich gerade das Hemd bekleckert hat, dann sag es ihm. Wenn ein Blinder fragt, ob ihm diese Farbe steht, dann sag ihm deine Meinung. Und wenn dir nicht gefällt, was dein blinder Gesprächspartner sagt, dann rede mit ihm, anstatt anderen Sehenden gegenüber vielsagende Blicke auszutauschen. Abseits des Respekts gegenüber deinem Mitmenschen solltest du dabei auch bedenken, dass Blinde sehr viel mehr mitbekommen, als du dir vorstellen kannst, auch wenn sie es nicht immer gleich kommentieren. Und niemand hat ein besseres Pokerface als ein (Geburts-)blinder.

Und wo wir gerade beim Thema sind: liebe Verkäuferinnen und Verkäufer im deutschen Bekleidungseinzelhandel, Blinde Menschen sind nicht auf dieser Welt, damit ihr Ihnen mit Lügen, Verschweigen und anderen Täuschungsmanövern den Mist andrehen könnt, den sonst keiner kauft. Für Insider sage ich da nur beige Bermudashorts in rot-weiß-kariert. Oder T-Shirt ohne Aufdruck. Oder schwarze Socken. Oder, oder, oder…


Gute und böse Worte
Der Umgang mit Begriffen rund um das Thema Behinderung scheint bei vielen Menschen erheblichen emotionalen Stress auszulösen. In Sachen Blindheit ist das in der Regel aber völlig unnötig, also bitte keine sprachakrobatischen Vermeidungsversuche. Ich bin nicht "ophthalmologisch benachteiligt" und nicht "visuell eingeschränkt". Ich bin weder "nicht so gut sehend" noch "mit Blindheit behaftet". Und ich bin auch keine "Person mit eingeschränkter visueller Wahrnehmung" und keine "Person mit Blindheit". Ich bin einfach nur blind. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Blind. Für mich gibt es nichts Normaleres, als blind zu sein. Also lass uns das Kind beim Namen nennen. Blindheit ist kein böses Wort, sondern eine medizinische Diagnose und sollte auch genauso verwendet werden.

Du brauchst dir einem Blinden gegenüber auch keine Sorgen über irgendwelche Formulierungen mit Bezug zum Sehen machen. Sätze wie „wir sehen uns morgen“, „schön, dich zu sehen“ oder „schaun wir mal“ kannst du im Gespräch mit einem Blinden genauso verwenden wie sonst auch. Die meisten Blinden benutzen solche Formulierungen mit allergrößter Selbstverständlichkeit selbst.

Und wie sieht es mit dem Oberbegriff aus? Aktuell wären wir da bei "Mensch mit Behinderung". Nicht gerne gesehen ist "Behinderter" und vollkommen inakzeptabel ist das in der deutschen Gesellschaft leider immer noch so beliebte "handicapped". Dazu ein kleiner Tipp: dieser Begriff entstammt nicht dem Golfsport, sondern ist vermutlich von "cap in hand" (Mütze in der Hand) abgeleitet und bezieht sich auf die Vorstellung, dass "Mensch mit Behinderung" synonym mit "Bettler" ist. Also lasst ihn doch bitte einfach weg.

Auch "Mensch mit Behinderung" wird seit längerem in Frage gestellt. Einen Konsens scheint es noch nicht zu geben, aber "Mensch mit Einschränkung" liegt aktuell ziemlich weit vorne, ist aber nicht immer bedeutungsidentisch.

Und warum ist das wichtig? Weil unsere Sprache unsere Wahrnehmung und unsere Erwartungen beeinflusst, und das weit mehr als den meisten Menschen das im Alltag bewusst ist. Einen Mensch mit Behinderung als "Behinderten" zu bezeichnen ist da in etwa das Gleiche wie eine blonde Frau eine Blondine zu nennen. Sachlich vielleicht soweit korrekt, aber aufgrund der Assoziationen schlicht inakzeptabel.


Konversationsthemen
Auch wenn dein Interesse an all den faszinierenden Dingen rund um Blindheit ebenso verständlich wie lobenswert ist, stehen die Chancen am Ende vermutlich besser, dass sich dein blinder Gesprächspartner über Rag’n’bone Man, die wirtschaftliche Entwicklung der äußeren Mongolei oder die Rolle von Einzellern im biologischen Gartenbau unterhalten möchte. Mit einem Blinden über Blindheit zu sprechen ist halt wie mit einem Zahnarzt über Zähne zu sprechen – für dich fachlich bestimmt interessant, aber für den anderen eher von begrenztem Interesse. Und nur allzu oft folgt auf eine Kaskade von „wie geht blind“ Fragen dann… nichts. Oder vielmehr betretenes Schweigen. Ich jedenfalls erlebe es nur sehr selten, dass mich neue Bekanntschaften nach meinen Hobbies, meinem Musikgeschmack oder nach meinen Lieblingsrestaurants fragen. Der Blindenstock scheint bei vielen Menschen den Smalltalkgenerator zu blockieren. Die Psychoanalyse überlasse ich hier meinen Lesern.

Übrigens sind Fragen nach der persönlichen Krankheitsgeschichte, den Sexualleben oder der Toilettenbenutzung Blinden gegenüber genauso taktlos wie allen anderen Menschen gegenüber, und sollten wenn überhaupt besser einem guten Freund als einem wildfremden Menschen gestellt werden. Und Bemerkungen wie „da muss man doch aber was machen können“ sollte man sich einfach nur sparen. Das allseits beliebte „sind Sie wirklich lind“ dagegen beantworte ich mittlerweile meistens nur noch mit „nein, ich habe den Stock noch vom Fasching“. Und wenn du jetzt glaubst, dass ich übertreibe, dann irrst du dich gewaltig.


Komplimente
Komplimente sind ja in der Regel nett gemeint, können aber auch leicht die falsche Botschaft senden: "ich habe gerade einen Vortrag über aktuelle Entwicklungen in der Quantenkryptografie gehalten, und der Typ bricht in Begeisterungsstürme aus, weil ich mir ganz alleine eine Tasse Kaffee eingegossen habe".

Ist nicht böse gemeint, aber manche "Komplimente" sind aufgrund ihrer Vorurteilsbelastung doch ziemlich aggressionsfördernd. Also immer die Augen auf den Ball und erstmal denken, damit du nicht versehentlich einen erwachsenen Menschen wie ein Kleinkind behandelst. Und falls dich eigentlich nur interessiert, wie man eine Tasse Kaffee eingießt, ohne etwas zu sehen, dann frag halt einfach.


Etikette: Du oder Sie?
Lasst mich hier gleich mal mit einem leider immer noch weit verbreiteten Unsinn aufräumen, nämlich der Regel, man dürfe Menschen mit Behinderung nicht duzen. Auch wenn das einen durchaus ernsten Hintergrund hat, ist es natürlich auf so pauschale Weise formuliert völliger Unsinn. Für Menschen mit Behinderung gelten hier exakt die gleichen Regeln wie für alle anderen auch.

Tatsächlich stellt ein solches Duzverbot sogar eine Form von Alltagsdiskriminierung dar. Wenn ich in eine Bar oder einen Club gehe, in dem das Personal die Gäste ganz selbstverständlich mit "Du" anredet, dann muss das ebenso selbstverständlich auch für mich gelten, denn ich bin ein ganz normaler Gast. Alles andere würde dem Grundgedanken gesellschaftlicher Inklusion widersprechen.


Blindismen
Als Blindismen bezeichnet man bestimmte, meist unbewusst ablaufende Verhaltensweisen, die besonders bei Früherblindeten auftreten können, von denen aber auch Späterblindete nicht immer verschont bleiben. Typischerweise gehören dazu Wippen mit dem Oberkörper, Kopfnicken oder Kopfschütteln oder sich ständig in die Augen zu fassen. Diese Verhaltensweisen werden von Laien oft als Zeichen geistiger Behinderung missverstanden, sind bei Blinden in der der Regel aber einfach nur schlechte Angewohnheiten.

Ist der Blinde ein guter Freund, dann kannst du das Thema ruhig ansprechen. Vielleicht ist dein Freund sogar dankbar, auf seine seltsamen Angewohnheiten aufmerksam gemacht zu werden. Sie abzulegen kann sehr schwierig sein, ist aber meist durchaus möglich. Ansonsten ignoriere sie einfach.


Essen zu Hause und im Restaurant

Einigermaßen zivilisiertes Essen gehört zu den komplexeren Herausforderungen im Alltag eines Blinden. Und das gilt natürlich umso mehr außerhalb der eigenen vier Wände. Viele Blinde bestellen im Restaurant ihr Essen daher eher nach Zugänglichkeit als nach Geschmack. Auch hier kann ein wenig Hilfestellung willkommen sein.

Wer einem Blinden etwas hinstellt, der sollte dies unbedingt ankündigen. Zwar hören Blinde oft, was vor ihnen passiert, darauf kann man sich aber nicht verlassen. Und wenn der Kellner gerade ganz professionell ein Getränk auf den Tisch geschmuggelt hat (man will ja schließlich nicht stören), dann ist eine kurze Ansage ebenfalls eine gute Idee.


Den Tellerinhalt beschreiben
Für Blinde ist es meist sehr hilfreich, wenn die Bedienung oder auch eine sehende Begleitung im Restaurant kurz den Tellerinhalt beschreibt. Die Uhr leistet dabei auch hier wieder gute Dienste.

Stell dir einfach vor, der Teller sei das Zifferblatt einer Uhr und sechs Uhr zeigt auf den Esser. Da liegt dann der Salat auf 10 Uhr, die Pommes auf zwei Uhr und der Burger auf sechs Uhr. Und wenn du auch noch erwähnst, dass auf dem Salat eine Chilischote liegt und im Burger ein Zahnstocher steckt, und dass auf 12 Uhr ein kleines Schälchen Ketchup steht, dann steht dem Essensgenuss nichts mehr im Wege.


Bestellen in der dritten Person
Eine unter Servicekräften leider immer noch weit verbreitete Unart ist es, anstatt des blinden Gastes lieber die sehende Begleitung zu fragen was „er“ oder „sie“ denn gerne essen würde. Das ist schlicht eine Frechheit und sollte auch als solches behandelt werden. Bis du selbst diese sehende Begleitung, so solltest du solche Fragen niemals beantworten und stattdessen eine passende Antwort parat haben: „wenn Sie ihn fragen, dann wird er es Ihnen bestimmt sagen“.


Zwangshandlungen
Es ist wirklich eigenartig: viele sehende Menschen entwickeln in Gegenwart eines Blinden eine spontane Zwangsstörung, die sogenannte „akute Verräumeritis“. Der Blinde oder der Kellner stellt die Kaffeetasse ab, und die sehende Begleitung muss diese sofort an einen anderen Ort räumen. Der Unfall ist hier geradezu vorprogrammiert. Also bitte Finger weg und dem Blinden seinen eigenen Raum auch selbst gestalten lassen. Und wenn ein Glas oder eine Tasse wirklich mal einen neuen Platz braucht, dann bitte nur mit Ansage.


Stille Orte
Auch der Gang zur Toilette hat in fremder Umgebung seine Tücken. Wer gefragt wird, der sollte ohne großes Aufheben den Weg zeigen, und dann fragen, ob man noch weiter helfen kann. Begleitet man den Blinden in die Toilette, so ist es nett, kurz nachzuschauen, ob die Toilette sauber ist und ob Papier da ist. Warten kann man im Vorraum, falls der Blinde Hilfe mit dem Händewaschen braucht (wo sind Waschbecken, Seife und Händetrockner), oder draußen. Und noch ein kleiner Trick: nette Freunde kündigen einfach ihren eigenen Toilettengang an, dann kann sich der Blinde falls nötig einfach anschließen und muss nicht erst fragen, wer mit ihm aufs Klo geht.


Mehr zum Thema
In meinem Blog gibt es übrigens auch zwei verwandte Artikel:


Auf der Arbeit

Auch im Job gilt: geh nicht einfach davon aus, dass dein blinder Kollege dies tun kann und jenes nicht. Sprich mit ihm. Gerade im Beruf haben Blinde immer wieder mit den Teils völlig verzerrten Vorstellungen ihrer Kollegen und Vorgesetzten zu kämpfen, was sie angeblich alles nicht können. Es ist besser zu fragen, als einfach vorauszusetzen.

Und als kleines Beispiel eine Quizfrage: welcher Kunde ist für mich als Wiesbadener leichter zu erreichen: der in Eppstein im Taunus oder der in Manhattan, New York City, USA? Ahnst du schon die Denkfalle? Und ja, es ist tatsächlich der in Manhattan. Kurioserweise ist Fliegen nämlich oftmals wirklich einfacher als S-Bahn fahren, und vor Ort ist Infrastruktur der entscheidende Faktor. Das hindert mich zwar nicht an einem Besuch in Eppstein, aber dort muss ich vielleicht deutlich besser vorplanen.

Auch im Kollegenkreis ist Kommunikation besser als falsche Rücksichtnahme. Wenn die Kollegen bowlen gehen, dann frag auch deinen blinden Kollegen. Zum einen können Blinde durchaus bowlen, zum anderen möchte er vielleicht auch einfach nur dabei sein und nicht am nächsten Morgen hören, was für einen Wahnsinnsspaß alle anderen letzte Nacht wieder hatten.


Zusammen arbeiten
  • Bitte respektiere den persönlichen Arbeitsbereich deines Kollegen. Insbesondere solltest du niemals etwas verräumen. Dein Kollege erwartet alles genau dort, wo er es hingelegt hat, und falls er etwas nicht findet, wird er fragen.
  • Wenn du deinem Kollegen Unterlagen oder Gegenstände bringst, dann möglichst immer mit Ansage. Auf dem eigenen Schreibtisch sollte man sich frei bewegen können, und die nett gemeinte, aber unangekündigt abgestellte Tasse Kaffee kann da schnell erhebliche Querbeschleunigung erfahren.
  • Halb offene Schranktüren, offene Schubladen und Kisten mitten im Gang nerven sogar noch mehr, wenn man sie nicht sehen kann.


Informationen bereitstellen
Wenn du einem blinden Kollegen Informationen geben möchtest, dann gilt in den meisten Fällen „alles lieber elektronisch“. Und das am besten im Originalformat, also bitte nicht in PDF konvertieren, das geht in Sachen Zugänglichkeit oft nach hinten los. Auch Screenshots sind tendenziell wenig informativ.

Besonders wichtig ist es für einen Blinden, Begleitunterlagen möglichst vor einer Besprechung oder Schulung zu erhalten, und zwar besonders die obligatorische PowerPoint-Präsentation. Der Beamer ist hier offensichtlich nutzlos, aber auf dem Laptop lässt sich die Präsentation durchaus mitlesen, besonders wenn dein Kollege hier die richtigen Tricks kennt.


Technik
Dein blinder Kollege hat wahrscheinlich das eine oder andere Hilfsmittel im Einsatz, sei es Hardware oder Software. Diese kleinen Tierchen sind sehr eigen in ihrem Verhalten und mögen es überhaupt nicht, von Leuten gefüttert zu werden, die sich mit Hilfsmitteltechnik nicht wirklich auskennen, egal wie viele Mainboards die zu Hause im Kleiderschrank haben. Eine kleine Veränderung der Bildschirmdarstellung kann den Screenreader gehörig aus dem Tritt bringen, und das ach so nützliche neue Firefox-Addon verhindert dann plötzlich den Zugriff auf Webformulare. Also lieber Finger weg und die Spezialisten machen lassen.


Und nochmal Kommunikation
Zusammenarbeit lebt von Kommunikation, und das gilt für beide Seiten. Wenn dich also etwas stört, dann sprich mit dem betreffenden Kollegen darüber. Gemeinsam werdet ihr sicher eine Lösung finden. Nur weil dein Kollege blind ist, musst du nicht schweigend leiden, während er mit dem Kopfhörer auf dem Kopf (Sprachausgaben können die Kollegen in den Wahnsinn treiben) lautstark am Summen ist. Und wenn du das Gespräch suchst, bevor deine Nerven zum Zerreißen angespannt sind, dann wird es bestimmt noch viel produktiver. Zu viel Rücksichtnahme kann genauso schlecht sein wie zu wenig.


Bei einem Blinden zu Hause

Zunächst mal gilt zu Hause das Gleiche wie auf der Arbeit: bitte nicht ungefragt aufräumen. Wenn du mit einem Blinden lebst, dann muss man hier sicherlich ein paar Absprachen treffen. Wenn du zu Gast bist, dann lass die Dinge bitte so, wie sie sind, oder sprich deinen Gastgeber an und ihr räumt den Störenfried zusammen weg.

Viele Blinde reagieren ziemlich allergisch auf halboffene Türen. Dahinter stehen schmerzhafte Erfahren. Wer das nicht glaubt, einfach mal den Helm auf, die Augenbinde an und versuchen, durch eine halboffene Tür zu gehen. Offene Schränke und Schubladen sind übrigens noch viel schlimmer.

Auch Stühle sollte man wenn möglich immer wieder unter den Tisch schieben, aber hier gehen die Meinungen durchaus auseinander.

Bitte lass wenn möglich auch keine Staubsauger, Einkaufstüten, Wasserreimer oder sonstige Stolperfallen mitten im Weg stehen, oder kündige sie falls nötig vorher an.


Kleine Benimmkunde in Sachen Blindenhunde

Man kann es nicht oft genug sagen: Führhunde sind keine Kuscheltiere. Es sind hart arbeitende, hervorragend ausgebildete Spezialisten, und sie verdienen Rücksichtnahme und Respekt.

Das wichtigste im Umgang mit Blindenhunden ist eigentlich ganz einfach: trägt der Hund das weiße Führgeschirr, dann ist jede Interaktion mit dem Hund tabu. Das bedeutet kein Winken, kein Ansprechen und ganz sicher auch kein Streicheln. Der Hund ist am Arbeiten und nichts darf seine Konzentration stören. Hier geht es auch nicht um abstrakte Benimmregeln, sondern um die Sicherheit seines Besitzers. Macht der Hund auch nur einen einzigen Fehler, so kann das seinen Besitzer das Leben kosten. Deshalb reagieren manche Blinde mit Führhund auch recht drastisch, wenn ihre Mitmenschen diese einfache Regel ignorieren.

Ein paar andere wissenswerte Dinge:
  • Führhunde sind trainiert, Essen nur von ihren Besitzern anzunehmen. Also Essen und Trinken für den Hund bitte immer erstmal mit dem Besitzer absprechen.
  • Wenn du einen Blinden mit Führhund den Weg zeigen willst, dann immer erst mit dem Blinden reden (der Hund gibt meistens eh keine gescheite Antwort). Auf jeden Fall solltest du nicht ungefragt nach Hund, Führgeschirr oder Herrchen greifen, das könnte den Hund ziemlich irritieren.
  • Führen ist harte Arbeit für den Hund. Die Ruhezeiten des Hundes müssen deshalb unbedingt respektiert werden, und zwar von dir genauso wie von deinen eigenen Vierbeinern. Schließlich muss unser Experte später auch fit genug sein, seinen Besitzer wieder sicher nach Hause zu begleiten.


Zusammengefasst: die größten Fauxpas

  • Besonders laut reden (ich bin blind, nicht schwerhörig)
  • In einfachen, kurzen Sätzen reden, überartikulieren wie eine schlechte Grundschullehrerin oder all diese schwierigen Wörter erklären (blind, nicht verblödet)
  • Einen Blinden einfach greifen und herumzerren (dank meiner Baugröße ein seltenes und recht kurzlebiges Problem für mich, aber trotzdem: wie würdest du reagieren, wenn dich plötzlich ein wildfremder Mensch über die Straße zerren will?)
  • Nach dem Blindenstock greifen
  • Mit einem Sehenden Begleiter reden, wenn der Blinde gemeint ist (blind, nicht taub, und durchaus in der Lage, meinen Kaffee selber zu bestellen).
  • Als Sehender Begleiter für einen Blinden bestellen, nur weil der ignorante Kellner ihn nicht selber fragen will.
  • Sinnfreie Fernsteuerungsbefehle ("geradeaus, mehr rechts") durch die Gegend brüllen, sobald ein Blinder die Straße entlang kommt. Und ihr glaubt gar nicht, wie oft das passiert.
  • Dinge des Blinden wortlos verräumen (bevor du mein Glas "besser" hingestellt hast, wusste ich noch, wo es war)
  • "Du bist ja gar nicht richtig blind" ist so ziemlich das dämlichste, was man zu einem Blinden sagen kann.


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Kommentare:

  1. Huuui richtig gut geschrieben. Ich bin selbst blind...mir fällt nix ein, was man noch ergenzen könnte! Eventuell schreib ich auch mal sowas aus meiner Sicht, wenn ich mehr Erfahrungen gesammelt habe. Vielleicht bringts ja was...

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  2. Super Beitrag! Er hat mir wirklich sehr geholfen, da ich seit kurzem mit einer blinden Frau und ihrem Führhund spazieren gehe. Ich habe mich beim ersten Treffen in vielen Situationen überfordert gefühlt, was mit den Tipps jetzt aber besser funktionieren sollte! Vielen Dank.

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  3. Hi, vielen Dank für deinen Beitrag. Ich arbeite an meiner Masterarbeit, die sich mit blinden und sehbehinderten Menschen beschäftigt und ich bin froh deinen Beitrag gefunden zu haben, um ein besseres Verständnis zu bekommen. Vielen Dank!

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  4. Guten Tag

    Vielen lieben Dank für den wertvollen Beitrag. ich habe einen Blinden kennengelernt, in den ich mich sehr verliebt habe. Wie weiss ich ober sich mir nähren will oder wie kann ich mich ihm nähern ohne dass er "überrumpelt" ist? Augenkontakt fällt ja weg. Obwohl er hat momentan noch ein Restsehvermögen von 5%.
    Würde mich sehr über eine Antwort freuen.

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    1. Erstmal vielen Dank für das nette Feedback. Was deine Frage angeht, so müsste ich doch ein wenig mehr über deine/eure Situation wissen. Du kannst mich gerne über das Kontaktformular oder per PM (Facebook, Twitter) anschreiben, dann reden wir einfach mal darüber und vielleicht fällt mir ja etwas sinnvolles ein.

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  5. Hi,
    super Artikel! Ich bin selbst blind und verstehe viele der angesprochenen Themen nur zu gut.
    Kennst du schon die App "Seeing Ai" von Microsoft? Sie ist bisher leider nur im amerikanischen App Store zu erhalten, ist aber ein wirklich nützliches Tool für Blinde. Man kann Texte abfotografieren, die dann von der App so umgesetzt werden, dass sie mit Voiceover lesbar sind; Personen auf Bildern werden mit Geschlecht, Alter und Gesichtsausdruck beschrieben; und auch Barcodes können gescannt werden. Ich bin auch nur durch Zufall auf diese App aufmerksam geworden, aber sie hat mir seitdem schon sehr geholfen - vielleicht ist sie ja auch praktisch für dich...

    Ich habe übrigens selbst auch seit kurzem einen Blog, in dem ich über meine Erfahrungen auf Reisen berichte und darüber, wie eine Blinde wie ich die Welt "sieht". Für alle, die es eventuell interessiert: Zu finden ist dieser Blog unter https://ninafuehltdiewelt.wordpress.com

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  6. Schönen guten Abend! Sehr viel hilfreiche Tipps. Vielen Dank dafür. Das rettet Sehende davor, von einem ins nächste Fettnäpfchen zu hüpfen und andere aus Unwissenheit vor den Kopf zu stoßen. Ich schreibe seit vier Jahren einen Blog über Finnland (https://tarjasblog.de) und möchte ihn nach und nach barrierefrei gestalten, weil ich es wichtig finde, dass das Internet für alle gut nutzbar ist. Haben Sie da ein paar Tipps für mich? Macht es Sinn, die Texte aufzusprechen oder gibt es dafür bereits hilfreiche Apps? Vielen Dank für einen Tipp. Herzliche Grüße, tarja

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    1. Liebe Tarja,
      das ist ein recht komplexes Thema. Als kleine Einführung schau doch mal bei Wikipedia o.ä.ä. unter dem Stichwort "Screenreader", das sollte schon einige Fragen beantworten. Ansonsten gibt es im Internet eine Menge an Anleitungen und Beschreibungen der einschlägigen Standards (insbes. W3C) für die Zugänglichkeit von Webseiten.
      Ich hoffe, das hilft dir schon mal weiter.
      Viele Grüße
      Mike

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