Tipps für Sehende

Viele Menschen fühlen sich unsicher im Umgang mit Blinden. Ein wenig Wissen und Verstehen macht eine Menge aus, weshalb ich versuche, auf dieser Seite eine Art "Bedienungsanleitung für Blinde" bereitzustellen, die sowohl meine eigenen Erfahrungen als auch Erfahrungen anderer zusammenfasst. Dies ist nicht als Kritik gedacht, sondern als Hilfe für diejenigen, die lernen wollen, besser mit Blinden umzugehen.

Das Wichtigste gibt es gleich vorweg: ein Blinder ist zu allererst ein Mensch, er hat Stärken und Schwächen, kann gut mit seiner Behinderung umgehen oder auch nicht, hat Vorlieben und Abneigungen und auch die eine oder andere Eigenart. Er verdient Respekt, und er möchte nicht anhand seiner Behinderung in irgendeiner Schublade verstaut werden. Insbesondere möchte er nicht an euren eigenen Ideen und Vorstellungen davon gemessen werden, was ein Blinder zu sein hat und was nicht. Bitte behaltet das im Hinterkopf, wenn ihr mit einem real existierenden Blinden zu tun habt.


Grundlegendes

  • Die wichtigste Grundregel im Umgang mit Blinden ist, niemals die Behinderung des anderen auszunutzen - egal, ob du es gut meinst oder nicht. Wenn du mit einem Blinden zu tun hast, dann ist Ehrlichkeit ein absolutes und unerschütterliches Muss. Wenn dich ein Blinder fragt, ob er sich gerade das Hemd bekleckert hat, dann sag es ihm. Wenn ein Blinder fragt, ob ihm diese Farbe steht, dann sag ihm deine Meinung. Jede Lüge ist eine Täuschung, bei der du die Behinderung des anderen ausnutzt.
  • Und wo wir gerade beim Thema sind: liebe Verkäuferinnen und Verkäufer im deutschen Einzelhandel, Blinde Menschen sind nicht auf dieser Welt, damit ihr Ihnen mit Lügen, Verschweigen und anderen Täuschungsmanövern den Mist andrehen könnt, den sonst keiner kauft.
  • Wer sich mit einem Blinden außerhalb dessen eigener Wohnung verarbredet, der sollte immer pünktlich bzw. ein wenig zu früh sein. Für einen Blinden, er alleine auf einem Bahnsteig steht, können sich wenige Minuten wie eine Stunde anfühlen, und in fremder Umgebung kann dies bei manchen Blinden unnötige Ängste auslösen.
  • Was auch immer du über "die Fähigkeiten Blinder" zu wissen glaubst, es ist wahrscheinlich ungenau oder falsch, und es trifft nicht unbedingt auf das Individuum zu, mit dem du es jetzt zu tun hast. Viel hängt zudem davon ab, an welchem Punkt des Weges sich ein Blinder befindet. Was letzte Woche noch unmöglich erschien, kann heute bereits ganz normal sein.
  • Wenn du dich fragst, was ein Blinder leisten kann und was nicht, dann ist der "gesunde Menschenverstand" mit all seinen "offensichtlichen" Schlussfolgerungen so ziemlich der Schlimmste Ratgeber, den du dir suchen kannst. Das Blinde zum Beispiel nicht Radfahren können, das ist ja wohl völlig offensichtlich, nicht wahr?


Hilfe geben

  • Wenn du einem Blinden behilflich sein willst, dann frage ihn zuerst. Biete deine Hilfe an und tue nicht einfach irgendwas, egal wie sehr du glaubst, die Situation verstanden zu haben. Niemand wird gerne ungefragt über die Strasse gezerrt, auch ein Blinder nicht - besonders, wenn er gerade am Straßenrand auf sein Taxi wartet.
  • Blinde sehen für andere Menschen oft hilflos aus, wenn sie es garnicht sind. Der Blinde, der auf der obersten Stufe in der Zugtür steht und mit dem Langstock tastet, ist nicht hilflos, er erkundet den Weg auf den Bahnsteig. Ein Mitreisender, der einfach seinen Arm greift, ist nicht hilfreich, sondern bringt den Blinden möglicherweise sogar in Gefahr, weil er ihn aus dem Gleichgewicht bringt.
  • Blinde brauchen manchmal etwas länger, müssen Dinge ertasten, die du sehen kannst, oder orientieren sich lieber nochmal akustusch, bevor sie etwas tun. Habe Geduld, eine kurze Verzögerung ist kein Hilferuf.
  • Sei nicht böse, wenn ein Blinder dein Hilfsangebot ablehnt. Egal, was du denkst, du weißt am Ende nicht, ob die Hilfe erwünscht oder überhaupt sinnvoll ist. Viele Blinde haben außerdem Skrupel, Hilfe anzunehmen, wo sie garnicht notwendig ist, auch wenn es aus deiner Sicht so doch einfacher wäre. Wenn ein Blinder im Bus stehen will (blind, nicht gebrechlich), so liegt das vielleicht einfach daran, dass er in der Nähe der Tür bleiben will, um den Ausstieg zu erleichtern. Oder vielleicht liegt es daran, dass er den ganzen Tag im Büro gesessen hat, und jetzt lieber stehen möchte.
  • Du musst einen Blinden, dem du in freier Wildbahn begegnest, nicht darauf hinweisen, dass die Treppe auch ein Geländer hat oder dass es bei Karstadt auch einen Fahrstuhl gibt. Auf solche glorreichen Ideen kommt er ganz von alleine, falls er die Benutzung eines Geländers oder Fahrstuhls wünscht. Ich persönlich benutze fast nie das Geländer, da es meine Koordination stört, was bei meinen Mitmenschen gelegentlich zu lautstarken Panikattacken führt.
  • Wenn der Blindenstock gleich einen Laternenpfahl treffen wird, dann ist das kein Grund zur Besorgnis. Der Blindenstock tut seinen Job. Der Kontakt mit dem Laternenpfahl ist Teil seiner Existenzbestimmung. Und der Blinde, der ihn hält, hofft vielleicht ohnehin auf einen kleinen, aufschlussreichen "Dong", da der Laternenpfahl ein Orientierungspunkt ist.
  • In freier Wildbahn ist ein bisschen Abstand durchaus sinnvoll, da Blinde nicht die gleichen körpersprachlichen Signale abgeben wie Sehende, wenn sie z,B. die Laufrichtung wechseln. Auch der Blindenstock kann manchmal etwas unberechenbar sein. Meiner ist übrigens etwa 1,7m lang und hat eine Keramikspitze...
  • Blinde sehen auf der Straße oft etwas grummelig aus. Dahinter steckt meist keine schlechte Laune, sondern einfach die enorme Konzentration, die ein Blinder außerhalb seiner vertrauten Umgebung bei jedem Schritt braucht.
  • Wer einem Blinden den Weg erklären will, und sei es nur der Weg zum Fahrstuhl, der sollte von Beschreibungen wie "da lang", begleitet von sinnfreiem Gestikulieren, Abstand nehmen. "Rechts von Ihnen" ist ein guter Anfang. Wer es ganz toll machen will, der kann z,B. sagen "der Fahrstuhl ist auf zwei Uhr" (immer "in Fahrtrichtung" des Blinden gesehen) oder "immer geradeaus und nach zehn Metern rechts, dann noch etwa fünf Meter". Auch der Untergrund ist hilfreich "geradeaus bis zum Teppich, dann rechts"
  • Am Schalter bei der Post, in der Bank o.ä. ist es nett, wenn die Dame oder der Herr hinter dem Schalter redet, während der Blinde im Landeanflug ist. Das erleichtert ungemein die Ortung. Es ist nicht wichtig, etwas Schlaues zu sagen, einfach drauflos plappern. Der Blinde wird dankbar verstehen, was du da tust.
  • Entgegen anderslautender Gerüchte sind Blinde durch Treppen oder Rolltreppen nicht in Gefahr. Dafür gibt es den Langstock oder den Führhund. Ich persönlich liebe Rolltreppen und hasse Fahrstühle (zu viel Arbeit beim Knöpfe suchen, und die meisten sagen das Stockwerk nicht an).
  • Auch Blinde ohne Führhund haben einen besten Freund dabei, und das ist ihr Langstock. Dieses nützliche Hilfsmittel ist das Kernelement der Sicherheit und der Mobilität. Du solltest daher niemals unaufgefordert den Blindenstock verräumen. Er gehört im Restaurant nicht an die Garderobe und in der Kneipe nicht unter den Jackenstapel in der Ecke. Er sollte stets in Griffweite sein. Würde der Stock gestohlen (was durchaus vorkommen kann), so hätte der Blinde ein sehr ernstes Problem.
  • Und nochmal zurück zur Uhr: das Ziffernblatt einer Uhr ist für alle möglichen Situationen hilfreich, z.B. um den Inhalt des Tellers zu beschreiben, die Lage des Wasserglases, Richtungen im Raum oder was sonst immer ansteht.
  • Für alle Kellnerinnen und Kellner, aber auch sonstige Begleiter im Restaurant: die (unauffällige) Beschreibung des Tellerinhaltes ist fast immer eine gute Idee. Wenige Dinge des Alltags sind für einen Blinden so schwer wie einigermaßen zivilisiertes essen. Dies geht so weit, dass viele Blinde im Restaurant ihr Essen nach Zugänglichkeit anstatt nach Geschmack aussuchen.
  • Wer einem Blinden etwas hinstellt, der sollte dies unbedingt ankündigen. Zwar hören Blinde hoft, was vor ihnen passiert, darauf kann man sich aber nicht verlassen, und der Wein soll ja schließlich im Gaumen und nicht auf der Tischdecke landen.
  • Eines der größten Probleme für einen Blinden kann das Auffinden einer Toilette sein. Wer gefragt wird, der sollte ohne großes Aufheben den Weg zeigen, und dann fragen, ob man noch weiter helfen kann. Begleitet man den Blinden in die Toilette, so ist es nett, kurz nachzuschauen, ob die Toilette sauber ist und das entsprechend zu sagen. Warten kann man im Vorraum, falls der Blinde Hilfe mit dem Händewaschen braucht, oder draußen. Bei unterschiedlichem Geschlecht: Frauen brauchen meistens keine Hemmungen zu haben, die Herrentoilette zu betreten (auf vielen Konzerten ist das Alltag), umgekehrt kann es Sinn machen, die Blinde für den Aufenthalt in der Toilette bei einer Geschlechtsgenossin abzugeben.


Die Sache mit dem Anhalten

Als Blinder am Straßenrand erlebt man es immer wieder, dass nette Autofahrer anhalten und einen über die Straße lassen wollen. Das ist zwar eine sehr nette Geste, aber sie ist ziemlich problembelastet. Der Blinde nimmt nämlich nur wahr, dass ein Auto angehalten hat. Der Grund dafür bleibt ihm verborgen. Will ihn der Autofahrer wirklich über die Straße lassen, oder hält er aus ganz anderen Gründen an und fährt gleich wieder los? Dazu kommen noch Radfahrer und andere freie Überholer, deren Anwesenheit oft durch das Motorgeräusch verschleiert wird.

Mich selbst hat ein solches Missverständnis schon einmal fast erlegt. Unweit von meiner Wohnung hielt ein Autofahrer an der Ecke an, ich lief los, er oder sie fuhr an und hatte dabei allem Anschein nach die Augen überall, aber definitiv nicht auf der Straße. Kleiner Hechtsprung von mir, Vollbremsung des Autos (definitiv zu spät), nichts passiert. Seit diesem Tag ignoriere ich aber die netten Anhalter fast immer. Auch die Nummer mit dem Radfahrer aus dem Nichts ist mir schon passiert, aber der hatte wohl zumindest mich gesehen. Mein Stock kam dafür anscheinend recht überraschend.

Und als Tipp für Autofahrer: bei Blinden geht immer erst der Stock, dann der Mensch. Ist der Stock eingezogen, dann wird der Blinde in der Regel auch nicht losgehen (und das alles wie immer ohne Gewähr).


Der persönliche Lebensbereich

  • In der Wohnung eines Blinden, an seinem Arbeitsplatz, und in anderen persönlichen Lebensbereichen gilt: niemals etwas verräumen, sondern alles so belassen oder wieder dort hinstellen, wo es war. Bitte auch nicht aufräumen: auch wenn der Locher sonst immer an der gleichen Stelle steht, heute steht er anders, und genau dort wird ihn der Blinde wieder suchen.
  • Schränke bitte immer wieder vollständig schließen. Halboffene Türen bergen erhebliche Unfallgefahr.
  • Die meisten Blinden bevorzugen es, wenn Türen entweder ganz offen oder ganz geschlossen sind. Wer das nicht versteht: Augenbinde an und versuchen, durch eine halboffene Tür zu gehen.
  • Bitte keine Wassereimer, Besen, Staubsauger, Einkaufstüten, Getränkekästen oder andere Hindernisse im Weg herumstehen lassen.


Kommunikation

  • Es ist für Blinde sehr hilfreich, wenn Menschen beim Betreten und Verlassen eines Raumes dasselbige mitteilen - ein Gespräch mit einem leeren Stuhl wird irgendwann langweilig.
  • Wenn man z.B. einen blinden Kollegen anspricht, ist es nett zu sagen, wer man ist. "Hallo" reicht oft nicht aus, um einen Menschen akustisch zu identifizieren.
  • Beim Ansprechen sollte man einen Blinden direkt anschauen. Ein Blinder hört meist, ob der Schall auf ihn gerichtet ist oder nicht, und wird sich andernfalls vielleicht garnicht angesprochen fühlen.
  • Wenn man den Namen eines Blinden weiß, dann ist es nett, diesen auch bei der Ansprache zu verwenden. Das vermeidet Missverständnisse. Blinde sind wohl vertraut mit dem Problem, sich versehentlich in anderer Leute Konversationen einzuklinken oder anderer Leute Fragen zu beantworten.
  • Wenn du einen Blinden anderen vorstellst, dann sind Richtungsangaben hilfreich: "Das sind Alex, Jens und Thomas" ist extrem verwirrend,"Rechts von dir sitzt Alex, gegenüber Jens und schräg links, das ist Thomas" gibt die notwendigen Koordinaten, um die neuen Bekanntschaften mit Namen anzureden.
  • Und wo wir gerade beim Vorstellen sind: bitte auch anwesende Kinder vorstellen, die werden zu oft ignoriert.
  • An der Bäckereitheke: "und der Herr mit dem braunen Hut, was kann ich für Sie tun?" ist eine nette Möglichkeit. Und ja, der Blinde weiß höchstwahrscheinlich, dass sein Hut braun ist.
  • "Raten Sie mal, wer ich bin" könnte bei einem Blinden außerhalb der Humorzone liegen. Und "wissen Sie noch, wer ich bin?" ist zwar eine durchaus verständliche Frage, gibt dem Befragten aber leicht das Gefühl, er werden einer Prüfung unterzogen - "Nein" ist schließlich eine eher peinliche Antwort für beide Seiten.
  • Viele Menschen fühlen sich irgendwie unwohl in der Gegenwart von Blinden. Das liegt vor allem daran, dass die nonverbale Kommunikation fehlt bzw. einseitig ist. Diese Vorgänge laufen zum größten Teil unbewusst ab, was dazu führt, dass viele Sehende glauben, der Blinde wolle lieber allein gelassen werden. Das ist wahrscheinlich garnicht der Fall. Mach dir klar, dass du den ersten Schritt gehen musst, der Blinde weiß ggf. garnicht, dass du da bist, und schon gar nicht, dass du dich gerne mit ihm unterhalten willst.
  • Und ein (auf Erfahrung basierendes) Wort an die weibliche Hälfte der Bevökerung: wenn ihr einen Blinden kennen lernen möchtet, dann ist anlächeln vom anderen Tisch aus keine erfolgversprechende Taktik.
  • Fragen über Blindheit sind als Konversationsgegenstand zwar verständlich, die Chancen stehen aber besser, dass sich der Blinde über Metallica, die aktuelle Wirtschaftslage oder die Rolle von Einzellern im biologischen Gartenbau unterhalten möchte.
  • "Blind" ist kein böses Wort, also bitte keine sprachakrobatischen Vermeidungsversuche.
  • Fragen nach der persönlichen Krankheitsgeschichte oder Fragen nach dem Motto "sind Sie wirklich blind" ("nein, ich habe den Stock noch vom Fasching!") sind Blinden gegenüber genauso taktlos wie allen anderen Menschen gegenüber, und sollten besser einem guten Bekannten als einem wildfremden Menschen gestellt werden.
  • Komplimente sind nett gemein, können aber leicht die falsche Botschaft senden: "ich habe gerade den größten Auftrag in diesem Quartal an Land gezogen, und der Typ bricht in Begeisterungsstürme aus, weil ich mir ganz alleine eine Tasse Kaffee eingegossen habe". Ist nicht böse gemeint, aber manche "Komplimente" sind aufgrund ihrer Vorurteilsbelastung doch ziemlich aggressionsfördernd.
  • Ein Blinder, der dich beim Gespräch nicht anschaut, ist nicht automatisch desinteressiert oder unhöflich. Blinde neigen dazu, dir eher ihr Ohr zu schenken als ihr Gesicht zuzuwenden, und es kostet viel Übung für einen Blinden, diese schlechte Angewohnheit abzulegen - falls er sich ihrer überhaupt bewusst ist.
  • Auch wenn Blinde "mit den Fingern sehen": nicht jeder Blinde möchte gerne dein Gesicht ertasten. Auch für einen Blinden ist dies eine sehr intime Angelegenheit, und sollte speziellen Momenten mit der richtigen Person vorbehalten bleiben.


Führen eines Blinden

  • Bitte beachten: nicht jeder Blinde will geführt werden, und es muss seine Entscheidung bleiben (blind, nicht entmündigt), auch wenn du der Meinung bist, es sei doch einfacher so.
  • Falls der Blinde es vorzieht hinter dir her zu laufen, anstatt sich führen zu lassen, dann ist es hilfreich, wenn du mit ihm redest und damit die akustische Ortung erleichterst.
  • Die klassische Technik beim Führen (international "sighted guide technique") läuft folgendermaßen ab:
    • Der Sehende bezieht neben dem Blinden Stellung und berührt den Handrücken des Blinden, damit dieser dessen Arm leichter findet.
    • Der Blinde ergreift den Arm des Sehenden oberhalb des Ellenbogens (und nicht umgekehrt: niemand wird gerne durch die Gegend gezerrt).
    • Die richtige Seite ist die dem Blindenstock bzw. Führhund abgewandte Seite
    • Der Blinde läuft dann seitlich versetzt einen Schritt hinter dem Sehenden
    • Es ist beim Führen nicht notwendig, permanent die Umgebung zu beschreiben. Lediglich Dinge, die für den Blinden wichtig sind (Bordsteinkanten, Türen, Treppen, etc.) sollte man ansagen. Dabei bitte nicht nur den Boden im Auge behalten (das macht oft schon der Blindenstock), sondern die Kopfhöhe des Blinden einkalkulieren - oben tuts am meisten weh.
    • Ansonsten einfach reden, wie es einem gefällt, auch Blinde können in der Regel gleichzeitig laufen und sich unterhalten.
    • Um "Gänsemarsch" anzusagen, geht der Führarm hinter den Körper, der Blinde kann dann tiefer greifen, aber den Kontakt noch halten. Dieses Signal wird aber nicht jeder Blinde unmittelbar verstehen, es macht also Sinn, die Engstelle anzukündigen.
    • Vor Absätzen und Treppen sollte man anhalten, ankündigen, was wohin geht ("Treppe rauf") und dann abwarten, bis der Blinde die erste Treppenstufe gefunden hat. Das gleiche gilt für das Ende der Treppe. Treppen laufen ist mit Führung ironischer Weise oft schwieriger als ohne.
    • Es ist nicht nötig, die Anzahl der Treppenstufen anzusagen
    • Vor Türen ist ebenfalls eine kurze Ansage nett ("Tür, öffnet rechts nach außen").
  • Alternativ kann der Blinde auch seine Hand auf die Schulter des Sehenden legen. Diese Handposition kann gerade im Hochsommer angenehmer sein.
  • Manche Blinde haben Probleme damit, im freien Raum zu stehen und fühlen sich desorientiert. Für solche Menschen ist eine Wand, ein Stuhl, eine Tischkante oder ein anderer Bezugspunkt hilfreich dabei, nicht die Orientierung zu verlieren. Gleichgewichtsprobleme sind übrigens besonders bei kürzlich erblindeten Menschen weit verbreitet. Aber auch hier gilt: fragen anstatt einfach vorauszusetzen.
  • Nicht jeder Blinde möchte permanent die Umgebung beschrieben haben. Für den einen sind verbale Beschreibungen eine wertvolle Hilfe, für andere eine Ablenkung, oder vielleicht sogar eine schmerzhafte Erinnerung an all das, was man verloren hat. Wenn ich auf einem Schiff bin, dann genieße ich meistens lieber den Wind, die Bewegung, die Sonne und die Klänge und Gerüche des Meeres als ständig zuzuhören, wie meine Begleitung versucht, die Küste zu beschreiben.

Die größten Fauxpas

  • Besonders laut reden (ich bin blind, nicht schwerhörig)
  • In einfachen, kurzen Sätzen reden, üverartikulieren wie eine schlechte Grundschullehrerin oder all diese schwierigen Wörter erklären (blind, nicht verblödet)
  • Einen Blinden einfach greifen und herumzerren (dank meiner Baugröße ein seltenes und recht kurzlebiges Problem für mich, aber trotzdem: wie würdest du reagieren, wenn dich plätzlich ein wildfremder Mensch über die Straße zerren will?)
  • Nach dem Blindenstock greifen
  • Mit einem Sehenden Begleiter reden, wenn der Blinde gemeint ist (blind, nicht taub, und durchaus in der Lage, mein Bier selber zu bestellen).
  • Als Sehender Begleiter für einen Blinden bestellen, nur weil der tolpatschige Kellner ihn nicht selber fragen will.
  • Sinnfreie Fernsteuerungsbefehle ("geradeaus, mehr rechts") durch die Gegend brüllen, sobald ein Blinder die Straße entlang kommt. Und ihr glaubt garnicht,wie oft das passiert.
  • Dinge des Blinden wortlos verräumen (bevor du mein Bierglas "besser" hingestellt hast, wusste ich noch, wo es war)
  • "Du bist ja garnicht richtig blind" ist so zienlich das dämlichste, was man zu einem Blinden sagen kann (genaueres siehe unten).


Ein paar Gerüchte und Tatsachen

  • "Blind" bedeutet nicht automatisch "Licht aus". Ca. 85-90% der Blinden haben noch ein gewisses Maß an Sehfähigkeit. Diese ist aber so gering, dass man nicht einmal mehr von "schwerst sehbehindert" sprechen kann.
  • Wer es genau wissen will: in Deutschland gilt eine Person als blind, wenn die Sehkraft auf dem besseren Auge mit Korrektur unter 2% fällt, oder wenn das zentrale Sehfeld unter 5° liegt. 2% Sehkraft bedeutet (sehr grob vereinfacht), dass die Person einen Gegenstand, den ein Normalsichtiger aus 100m Entfernung erkennt, erst aus 2m identifizieren kann. Mit unter 30% Sehkraft gilt man in Deutschland übrigens als "sehbehindert", bei unter 5% als "schwerst sehbehindert".
  • Deutschland hat extrem scharfe (und natürlich sehr kostensparende) Kriterien für Blindheit. Ein Blinder in den USA würde in Deutschland oftmals. nicht einmal als "schwerst sehbehindert" eingestuft, geschweige denn als "blind". Das sollte man besonders im Umgang mit Sehbehinderten im Hinterkopf behalten.
  • Deutschland führt keine verlässliche Statistik über den Anteil blinder Menschen in der Gesellschaft, Schätzungen gehen aber von etwa 164.000 (0,2%( Blinden und etwas über eine Million (1,3%) Sehbehinderten (Stand: 2004, Tendenz steigehnd).


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Kommentare:

  1. Huuui richtig gut geschrieben. Ich bin selbst blind...mir fällt nix ein, was man noch ergenzen könnte! Eventuell schreib ich auch mal sowas aus meiner Sicht, wenn ich mehr Erfahrungen gesammelt habe. Vielleicht bringts ja was...

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  2. Super Beitrag! Er hat mir wirklich sehr geholfen, da ich seit kurzem mit einer blinden Frau und ihrem Führhund spazieren gehe. Ich habe mich beim ersten Treffen in vielen Situationen überfordert gefühlt, was mit den Tipps jetzt aber besser funktionieren sollte! Vielen Dank.

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  3. Hi, vielen Dank für deinen Beitrag. Ich arbeite an meiner Masterarbeit, die sich mit blinden und sehbehinderten Menschen beschäftigt und ich bin froh deinen Beitrag gefunden zu haben, um ein besseres Verständnis zu bekommen. Vielen Dank!

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  4. Guten Tag

    Vielen lieben Dank für den wertvollen Beitrag. ich habe einen Blinden kennengelernt, in den ich mich sehr verliebt habe. Wie weiss ich ober sich mir nähren will oder wie kann ich mich ihm nähern ohne dass er "überrumpelt" ist? Augenkontakt fällt ja weg. Obwohl er hat momentan noch ein Restsehvermögen von 5%.
    Würde mich sehr über eine Antwort freuen.

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    1. Erstmal vielen Dank für das nette Feedback. Was deine Frage angeht, so müsste ich doch ein wenig mehr über deine/eure Situation wissen. Du kannst mich gerne über das Kontaktformular oder per PM (Facebook, Twitter) anschreiben, dann reden wir einfach mal darüber und vielleicht fällt mir ja etwas sinnvolles ein.

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